Schutz des Amazonas: Herausforderungen und Handlungsaufruf

04.06.2025 |

Zu einer ganz besonderen Veranstaltung über die aktuelle Entwicklung in der Amazonasregion im Norden von Peru hatte am 21. Mai 2025 das Eine-Welt Forum-Mannheim e.V. (EWF) in Kooperation mit der Erzdiözese Freiburg geladen. Das Forum mit seinen über 25 Mitgliedsgruppen setzt sich für eine global gerechte und nachhaltige Entwicklung ein.

Aus erster Hand berichteten Dante Sejekam, ein junger Awajún-Anführer und Präsident der Indigenenorganisation ODECOFROC, und Sonia Pastor, Leiterin der Sozialpastoral des Vikariats Jaen, über die dramatische Situation im dortigen Amazonasgebiets. Die Erzdiözese Freiburg hatte die beiden Gäste aus dem Partnerland Peru zu einem 2-wöchigen Besuch nach Deutschland eingeladen, um über die immensen Herausforderungen im Amazonas zu sensibilisieren und gemeinsam mit Verbündeten und Interessierten über Lösungen zu reflektieren.
 
Dante schilderte zunächst eindrücklich das massive Eindringen der vor allem illegalen Bergbau­arbei­ter, die auf der Suche nach Gold den Lebensraum der indigenen Gemeinschaften massiv gefährden. Auf den „dragas“ – mit entsprechenden Vorrichtungen ausgestattete Boote – wird das im Fluss­sedi­ment enthaltene Gold unter Einsatz von Quecksilber herausgewaschen. In den an Ecuador grenzenden Bergregionen wird tonnenweise Erdreich abgetragen und per LKW ins Nachbarland geschafft, um dort das Gold zu extrahieren. Das verwendete Quecksilber und weitere Substanzen vergiften das gesamte Quell- und Mäandergebiet des Cenepa. Ähnlich skrupellos agieren die in der Region aktiven, schwer bewaffneten Kokainproduzenten, die den Regenwald für ihre Zwecke roden, Labore errichten und Gelder über den illegalen Bergbau waschen.
 
Die mit diesen Machenschaften einhergehenden sozialen und ökologische Folgen sind massiv: Gewalt, Prostitution, Menschenhandel gehören mittlerweile zum Alltag, wer sich auflehnt, muss um sein Leben fürchten. Den dort lebenden Menschen wird Geld geboten, um gemeinsame Sache zu machen und so die Gemeinschaften zu spalten. Jugendliche werden vom Schulbesuch abgehalten, indem ihnen hohe Beträge für gesundheitsschädliche Arbeiten und Prostitution angeboten werden. Die Regierung zeigt kein Interesse an der Lösung der Probleme, sondern erlässt im Gegenteil Gesetze, mit denen die kriminellen Aktivitäten weiter gefördert werden. Bisher steht einzig die katholische Kirche den indigenen Gemeinschaften zur Seite – auch mit finanziellen Mitteln der Kirche aus Deutschland.
 
Vor diesem Hintergrund schildert Dante die diametral konträre Sichtweise der Awajún auf die Natur. Für seine Gemeinschaft sind Fluss und Erde lebendige Wesen oder Gottheiten, die Nahrung und Leben schenken. So wird der Fluss nicht genutzt, sondern respektiert. Ähnlichen Respekt verdienen Erdreich, Pflanzen und Tiere.
 
Im Anschluss an den Vortrag fand ein Austausch um die zentrale Frage, was wir von hier aus tun können, statt. Dabei wurden u.a. die direkten Folgen unseres Konsums thematisiert und das vorherrschende, auf Wachstum basierende Wirtschaftsmodell in Frage gestellt.  Für Dante, der in einer Gemeinschaft lebt, in der man voneinander abhängt, ist der in Deutschland vorherrschende Individualismus augenfällig und so sind wir vielleicht angeregt, trotz sehr unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten, gemeinsam zu überdenken, was „Entwicklung“ eigentlich bedeutet. Natürlich wünschen sich auch die Menschen im Amazonas Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und anderen Dingen, die in Deutschland selbstver­ständ­lich sind. Angesichts wachsender Einsamkeit und Problemen vieler Menschen, die „alles“ haben, müssen jedoch Werte überdacht und gefragt werden, ob die Anhäufung von Besitz glücklich macht. Ein weiteres Wachstum auf Kosten der Natur und der Menschen in den ressourcenreichen Ländern des globalen Südens ist ethisch und christlich nicht mehr vertretbar. Einigkeit bestand darüber,  dass ein bewusster Konsum längst überfällig ist und auch wenn es nicht en vogue ist, über „Verzicht“ zu sprechen, so darf man sich dennoch fragen, ob es wirklich das neuste Handy sein muss oder ob Dinge nicht auch repariert werden können. Kleidung, Fortbewe­gung, Ernährung etc. – all das sind weitere von vielen Stellschrauben, mit denen wir unserer globalen Verantwortung gerecht werden können.
Aus dem Publikum kam zudem der vehemente Aufruf, auch politisch aktiv zu werden, sei es auf lokaler Ebene oder durch Kontaktaufnahme  mit den politischen Vertreterinnen und Vertretern auf Bundesebene, Petitionen etc.
Mitnichten was es jedoch die Absicht der Gäste, Mitleid und Betroffenheit zu wecken. Im Gegenteil, die Awajún haben sich bereits gegen die Spanier behauptet und haben sich jetzt in einem mutigen Akt der Selbstbestimmung zusammengeschlossen, um ihre Flüsse, ihre Lebensweise und ihre Zukunft zu verteidigen. „Den Fluss zu verteidigen heißt, das Leben zu verteidigen“, betonte Sejekam. Und so luden Dante und Sonia ein, sich mit ihnen zu verbünden, ihr Anliegen überall da wo möglich, publik zu machen und miteinander im Austausch zu bleiben.
 
Die Veranstaltung war nicht nur eine wertvolle Gelegenheit, darüber nachzudenken, was globale Gerechtigkeit bedeutet, sondern auch ein inspirierender Aufruf zum Handeln und zur Solidarität mit den indigenen Völkern des Amazonas.
 
S. Valenzuela